50 Jahre MOTTE – ein Blick auf die Wurzeln der Soziokultur in Hamburg

Wie Bewegung Verhältnisse verändert –
und bis heute prägt.

Ein Artikel von Michael Wendt, 14.03.2026

Was Soziokultur ausmacht

Der Begriff Soziokultur beschreibt das Zusammenspiel von kulturellen und sozialen Praktiken und orientiert sich immer an den Lebensrealitäten der Menschen. Je nach politischer und gesellschaftlicher Lage verschieben sich Schwerpunkte, Anforderungen und Selbstverständnisse. Soziokultur ist kein starres Konzept – sie entsteht aus Bewegungen, Bedürfnissen und gemeinsamen Erfahrungen.

Foto: MOTTE 1987, MOTTE-Archiv

Der Bundesverband Soziokultur versteht Soziokultur als Haltung, Praxis und gesellschaftliche Gestaltungskraft. Ihre Wurzeln reichen bis ins frühe 20. Jahrhundert zurück: Bewegungen wie die Arbeiterkultur, die Reformpädagogik oder die Jugendbewegung schufen erste Räume für Selbstbildung, Engagement und Teilhabe.

In den 1970er Jahren gewann der Begriff seine heutige Bedeutung. Gesellschaftliche Umbrüche führten in vielen Städten zur Gründung neuer Kultur- und Stadtteilinitiativen – selbstverwaltet, offen, politisch, experimentell. Es entstanden Werkstätten, Kulturhäuser, Theatergruppen und Zentren, die Kulturarbeit mit sozialer Verantwortung verbanden.

Auch in Hamburg entwickelte sich daraus eine lebendige Landschaft der Stadtteilkultur. Der Landesverband Stadtkultur Hamburg vertritt seit fast 50 Jahren die Akteur*innen dieser Szene, stärkt ihre Arbeit und bringt Kultur, Gesellschaft und Stadtentwicklung in einen gemeinsamen Diskurs. Das Motto „Kultur für alle von allen“ ist ein prägendes Element dieser Entwicklung.

Die MOTTE als Beispiel der Hamburger Stadtteilkultur Die MOTTE entstand Mitte der 1970er Jahre in einer Zeit gesellschaftlicher und politischer Neuorientierung. Von Beginn an war sie geprägt durch:

Abb.: MOTTE-Archiv

  • Jugend- und Jugendsozialarbeit der späten 1960er Jahre
  • die Betreuung und Unterstützung von Kindern aus einkommensschwachen und zugewanderten Familien
  • Kooperationen mit politischen Gruppen und Initiativen
  • die Zusammenarbeit mit Künstler*innen und engagierten Familien aus dem Stadtteil

Die MOTTE war ein Ort, an dem Ideen entstanden und unmittelbar erprobt wurden. Impulse aus dem Stadtteil flossen in die Arbeit ein – und gleichzeitig gab die MOTTE wichtige Anregungen nach außen. Diese Offenheit, Dialogbereitschaft und kontinuierliche Weiterentwicklung gehören bis
heute zum Kern der Einrichtung.

Wie der Name entstand – und warum er verändert wurde

Die frühen Aktivitäten führten zunächst 1974 zur Gründung des Vereins für außerschulische Jugendarbeit e.V. Dieser legte den Grundstein für die spätere MOTTE.

Im Jahr 1976 – deshalb feiern wir 2026 unser 50-jähriges Jubiläum – entschied der Verein, seinen Namen zu ändern. Das Selbstverständnis hatte sich gewandelt, der kulturelle Ansatz nahm an Bedeutung zu, und man wollte sich bewusst von staatlichen oder kirchlich geprägten Trägern abgrenzen.

Abb.: Logo 1970er Jahre MOTTE-Archiv

So entstand der Name:

MOTTE – Verein für stadtteilbezogene Kultur- und Sozialarbeit e.V.

Die Reihenfolge der Begriffe war damals ein wichtiges Signal: Kultur zuerst.

Heute, angesichts wachsender sozialer Ungleichheiten, ist diese Abgrenzung weniger relevant. Die MOTTE arbeitet mit vielen Partnern zusammen, mit denen früher deutliche Distanz bestand. Kultur- und Sozialarbeit sind eng miteinander verwoben – zwei Seiten eines gemeinsamen Verständnisses von Teilhabe und gesellschaftlicher Verantwortung.

Soziokultur im Wandel

Der Begriff Soziokultur bleibt ein Kind seiner Zeit: geprägt von politischen Debatten, gesellschaftlichen Veränderungen und der Frage nach Teilhabe. Gerade in Jubiläumszeiten lohnt sich der Blick zurück – um zu verstehen, wie Bewegung entsteht und wie sie Verhältnisse verändern kann.